Ein visueller Browser für das Archiv

20. Juni 2021·
Clément Godbarge
Clément Godbarge
· 2 Min Lesezeit
post Notizen

Das Problem

Digitale Editionen leiden an einem Paradox: Sie machen entlegene Dokumente einem breiteren Publikum zugänglich – doch mit der Entmaterialisierung geht der sinnliche Halt verloren, und das verwirrt die Leserinnen und Leser oder schreckt sie gar davon ab, sich auf den Inhalt einzulassen. Sich durch riesige Dokumentbestände zu bewegen wird so umständlich und einschüchternd. Das gilt nicht nur für Nutzende, denen die Archivarbeit fremd ist, sondern auch für Leserinnen und Leser mit kognitiven Beeinträchtigungen.

Die Lösung

An dieser Stelle helfen die Metadaten des Archivs weiter. Aus ihnen lassen sich interaktive visuelle Abstraktionen bauen, die den Lesenden einen anderen sinnlichen Zugang eröffnen und damit Ergonomie wie Zugänglichkeit zugleich verbessern. Um das Archiv visuell begehbar zu machen, genügt eine Treemap – oder irgendein Diagramm, das hierarchische Daten übersichtlich aufgliedert.

Das Experiment

Mein erster Versuch passt den Code der Zoomable Treemap für D3.js an und ergänzt ihn um Hyperlinks. Dargestellt wird die Handschrift BnF Ms. Fr. 640 mit ihren Folios und den Einträgen auf jedem Folio; die Farben zeigen die jeweils vorherrschende Kategorie an. Fährt man mit der Maus über einen Eintrag, erscheinen weitere Angaben, darunter der Link zur Handschrift.
So wird die Treemap zu einem interaktiven visuellen Register, das den Lesenden auf einen Blick und ohne Verzögerung Überblick verschafft – nicht nur über den Inhalt der Handschrift, sondern auch über den Umfang jedes Folios und jedes Eintrags.
In den kommenden Monaten werde ich diese Idee weiterverfolgen und andere Diagramme und andere Hierarchien ausprobieren … Bleiben Sie dran! Eine neue Version der Treemap finden Sie hier.

Hinweis

Am besten wirkt die Darstellung im hellen Modus der Webseite (Mondsymbol oben rechts anklicken).

Click any cell to zoom in, or the top to zoom out.

Clément Godbarge
Autoren
Dozent für Digital Humanities
Clément Godbarge ist Dozent für Digital Humanities an der University of St Andrews. Seine Forschung befasst sich mit Wissenschaft und Staatskunst im Europa der Frühen Neuzeit. In seinem demnächst erscheinenden Buch untersucht er, wie Ärzte an den Höfen Frankreichs und Italiens im 16. Jahrhundert sich als politische Experten eines neuen Typs profilierten. Seine Forschung wurde von der Andrew W. Mellon Foundation, der Fulbright-Kommission, der Renaissance Society of America und der Harvard University gefördert.