Binärcode begreifen mit dem ITA2-Telegrafen-Emulator

13. Februar 2025·
Clément Godbarge
Clément Godbarge
· 2 Min Lesezeit
Fünf-Bit-Telegrafencodes im Vergleich: ITA2, seine nationalen und nichtlateinischen Varianten und ihre Lochstreifenmuster
post Digital Humanities

Abstraktes greifbar machen

Dieser ITA2-Emulator ist ein handfestes Lehrmittel: Er macht sichtbar und anfassbar, was sonst abstrakt bleibt, und führt Studierende so an einen Grundbegriff von Informatik und Telekommunikation heran – die Binärdarstellung, also die Frage, wie aus Text ein Muster aus Einsen und Nullen wird. Oft lehren wir das rein abstrakt. Wer aber zusieht, wie die Löcher tatsächlich im Streifen erscheinen, begreift viel leichter, dass ein physisches System digitale Information tragen kann.

ITA2 (Baudot-Murray) Telegraph Type Emulator

Type a word in the input below to see its representation on the ITA2 tape.

Historischer Hintergrund: Vom Telegrafen zum Computer

Der ITA2-Code (Internationales Telegrafenalphabet Nr. 2), auch Baudot-Murray-Code genannt, entstand in den 1920er Jahren als Weiterentwicklung des Telegrafencodes, den Émile Baudot in den 1870er Jahren entworfen hatte. Diese frühen Fernmeldesysteme haben die spätere Entwicklung des Computers unmittelbar geprägt:

  • Das 5-Bit-Schema ist ein frühes Beispiel für Zeichenkodierung
  • Weil fünf Bit nur 32 Kombinationen zulassen, brauchte es einen Kunstgriff: die Umschaltung zwischen Buchstaben und Ziffern (LETTERS/FIGURES)
  • Fernschreiber arbeiteten mit diesem System bis weit ins 20. Jahrhundert hinein

Zustandsautomaten im Spiel lernen

Mit der LETTERS/FIGURES-Umschaltung ist der Zustandsautomat wie von selbst im Raum. Beim Ausprobieren entdecken die Studierenden, dass ein und dasselbe Muster je nach Modus ein anderes Zeichen bedeutet – eine handfeste Erfahrung mit zustandsabhängiger Kodierung, die den Boden für anspruchsvollere Begriffe der Informatik bereitet. Das Bitmuster 00011 etwa steht für:

  • den Buchstaben ‚A‘ im LETTERS-Modus
  • die Ziffer ‚1‘ im FIGURES-Modus Dass die Bedeutung vom Zustand abhängt, gehört zum Kern dessen, wie Computer mit Daten umgehen.

Übungen für den Unterricht

Einige Vorschläge, wie sich der ITA2-Emulator in die Lehre einbauen lässt:

  1. Code knacken: Lassen Sie Studierende Nachrichten entschlüsseln, die als ITA2-Muster vorliegen
  2. Sparsam kodieren: Erörtern Sie, warum die Umschaltung wichtig war, um Bandbreite zu sparen
  3. Kodierung im Wandel: Stellen Sie dem 5-Bit-Code von ITA2 ASCII (7 Bit) und Unicode gegenüber
  4. Physical Computing: Schlagen Sie die Brücke von diesem historischen System zu heutigen Mikrocontrollern wie dem Arduino

Ein Gewinn für die Zugänglichkeit

Abgesehen vom historischen Reiz kommt dieser Zugang Studierenden mit ganz unterschiedlichen Lernweisen entgegen:

  • Wer visuell lernt, sieht die Muster
  • Wer über die Hand lernt, greift unmittelbar in den Kodierungsvorgang ein
  • Wer begrifflich denkt, kann die mathematische Seite der Informationstheorie erkunden

Zur Implementierung

Der Emulator ist in JavaScript geschrieben und lässt sich ohne Umstände in jede webbasierte Lernplattform einbinden. Der Code ist modular aufgebaut und für verschiedene Unterrichtssituationen anpassbar. Quellcode und Emulator zum Selbstausprobieren finden Sie hier: GitHub-Repository

Clément Godbarge
Autoren
Dozent für Digital Humanities
Clément Godbarge ist Dozent für Digital Humanities an der University of St Andrews. Seine Forschung befasst sich mit Wissenschaft und Staatskunst im Europa der Frühen Neuzeit. In seinem demnächst erscheinenden Buch untersucht er, wie Ärzte an den Höfen Frankreichs und Italiens im 16. Jahrhundert sich als politische Experten eines neuen Typs profilierten. Seine Forschung wurde von der Andrew W. Mellon Foundation, der Fulbright-Kommission, der Renaissance Society of America und der Harvard University gefördert.